Wrekmeister Harmonies – The Alone Rush

Wrekmeister Harmonies - The Alone RushMinimalismus hat schon etwas für sich. Das Frontcover des neuen Albums zeigt nicht viel. Es sind gedeckte, dunkle Farben zu sehen, ein einfach gehaltener Schriftzug sowie ein Foto, welches das Duo J.R. Robinson und Esther Shaw zeigt. Gerade die Fotografie ist es, die ich als so spannend und vielsagend wahrnehme, obwohl sie eigentlich kaum etwas verrät. Dafür bietet sie umso mehr Interpretationsspielraum. Es ist der Blick von Robinson, wie er von oben rechts, den Kopf leicht geneigt, hinunter zu Shaw schaut, der mich fasziniert. In seiner Haltung und in seinem Blick liegt etwas Offenes und Verletzliches, gleichzeitig aber auch eine in sich ruhende Kraft, so als wäre er mit sich im Reinen. Das ist natürlich meine Interpretation und hat wahrscheinlich nichts mit der Realität zu tun, aber das muss es auch gar nicht. Die Aufgabe von Musik ist es doch zu berühren, Geist und Herz zu öffnen, und das gelingt bereits mit diesem schlichten Cover.

Für die Aufnahmen und Vorbereitungen zu „The Alone Rush“ zogen sich Robinson und Shaw zwei Jahre aus Chicago in die am Pazifik liegende Kleinstadt Astoria zurück. Das Duo musste sich von dem Tod einer nahestehenden Person und von der Erschöpfung, die das Pflegen eines chronisch kranken Angehörigen mit sich bringt, erholen. In Astoria wurden seelische Wunden geheilt und es wurde komponiert.

Dabei herausgekommen ist „The Alone Rush“, welches, was für WREKMEISTER HARMONIES typisch ist, von der Literatur inspiriert wurde. Unter anderem stand der britische Journalist und Autor George Monbiot Pate, dessen Essay „The age of loneliness is killing us“ bei den Musikern Anklang fand. Es geht dort um soziale Isolation und wie lebensverkürzend sie wirkt. Aber auch der anrührende Roman „Lincoln in the Bardo“ von George Saunders ist Quell und Gegenstand des Albums. Saunders erzählt dort die Geschichte von Abraham Lincoln, welcher am Grab seines elfjährigen Sohnes steht, der sich im buddhistischen Bardo, einer Übergangswelt zwischen Wiedergeburt und Tod, befindet.

Man könnte „The Alone Rush“ vielleicht als Trauerbewältigung verstehen. Jedenfalls ist das neue Album ein sehr ruhiges geworden. Wenn man es mit seinem Vorgänger „Light Falls“ vergleicht, ist vom Doom kaum etwas geblieben. „The Alone Rush“ ist vielmehr ein weitgehend akustisches Werk, welches durch die natürlichen Instrumente und Robinsons sonorer Gesangsstimme besticht. Schwere, verzerrte Gitarren, wie sie vor zwei Jahren immer wieder mal zu hören waren, sind kaum noch vorhanden. Kontrastpunkte gibt es aber trotzdem noch, dann werden WREKMEISTER HARMONIES mal kurz laut, mitunter auch drückend oder disharmonisch und lärmend.

Wrekmeister Harmonies
Foto: Peter Shaw

Durch diesen selten gewordenen Spannungspitzen geht einerseits ein Teil der spezielle Spannung von „Light Falls“ verloren, andererseits wird eine neue Intimität erschaffen, wie man sie von der Kammermusik her kennt, woran Klarinette und Violine nicht ganz unschuldig sind. „The Alone Rush“ ist in weiten Teilen tieftraurige Musik. Es ist eine besondere Form der Traurigkeit, eine, die das Unvermeidbare akzeptiert, eine, die nicht hoffnungslos ist sondern sie als ein Teil des Lebens versteht. Dadurch kann auch etwas besonders Schönes entstehen, wie WREKMEISTER HARMONIES hier eindringlich zeigen.

Trotz aller Elegie und ruhender Schwere ist „The Alone Rush“ ein wunderbar arrangiertes und komplexes Werk mit vielen kleinen Details. Bereits „Light Falls“ haute mich damals um, und „The Alone Rush“ steht dem in nichts nach, auch wenn es ein wenig anders, nämlich zurückhaltender, ist.

Am 15. Mai sind die übrigens im Berliner Urban Spree zu hören und sehen.

Wrekmeister Harmonies – The Alone Rush
13.04.2018 | Doom, Folk, Drone
Vinyl, CD, Digital | Thrill Jockey Records

1. A 300 Year Old Slit Throat
2. Descent Into Blindness
3. Behold! The Final Scream
4. Covered In Blood From Invisible Wounds
5. Forgive Yourself And Let Go
6. The Alone Rush

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